Im Schleswig-Holstein Journal vom 31.01.2015 war ein Bericht über uns:

 

Die Taube im Visier

 

 

Der Knall ist so laut, dass ich für einen kurzen Moment die Luft anhalte. Trotz Ohrstöpseln fängt es in meinem Kopf an zu brummen. Dass ich gleich beim ersten Versuch  getroffen habe, merke ich zuerst gar nicht.  „Glückstreffer“, sagt Maximilian, der mir von hinten über die Schulter guckt. „Du hast eigentlich viel zu schnell hochgezogen.“ Ich setze ein zweites Mal an. Als die kleine rote Scheibe in meinem Blickfeld auftaucht, drücke ich ab.  Diesmal geht der Schuss daneben. „Das war zu langsam“,  stellt Maximilian fest und steckt zwei neue Schrotpatronen in das Gewehr. Wir stehen am Jungjäger-Stand des Schießstands Warder im Kreis Rendsburg-Eckernförde. In drei Stunden  will mir Maximilian zusammen mit drei anderen Anfängern das Tontaubenschießen beibringen. Seit knapp vier Jahren bietet der 25-jährige Hamburger solche Schnupperkurse an, um Laien einen Einblick in den Schießsport zu geben.

So wie ich haben die meisten in der Gruppe noch nie eine Waffe in der Hand gehalten. Nach einer kurzen Sicherheits-Einweisung gibt es deshalb  ein paar Trockenübungen, um den richtigen Umgang mit dem Gewehr zu lernen. Drei Stück haben wir dafür zur Auswahl: Ein klassisches Jagdgewehr (Bockflinte), eine tarnfarbene Pumpgun und eine Selbstladeflinte. Letztere sind bei Männern besonders beliebt, verrät Maximilan,  „weil sie so nach Action aussehen“. Ganz schön  klischeehaft, denke ich und entscheide mich für das Jagdgewehr. Und das ist überraschend schwer. Schon nach zwei oder drei Versuchen fängt mein Arm an zu zittern, nach drei weiteren bricht mir trotz vier Grad Außentemperatur der Schweiß aus.

Die „Tauben“ werden aus einem Automaten in die Luft geschossen. Während früher auf lebende Vögel geschossen wurde, dienen heute  farbig bemalte Tonscheiben als Ziele.  Obwohl wir am sogenannten Jungjägerstand nur die Kindervariante ausprobieren, bei der wir das Gewehr schon vorher im Anschlag halten und die Tauben einzeln und  immer in die gleiche Richtung fliegen, sind sie gar nicht so leicht zu treffen. Ich schieße entweder zu schnell oder viel zu langsam und verfehle die meisten Tauben. Dafür, dass ich zum ersten Mal ein Gewehr benutze, bin ich mit dem Ergebnis allerdings recht zufrieden: Von rund 30 Scheiben treffe ich  ungefähr vier oder fünf Stück.

Zu verdanken habe ich das weniger meinen Reflexen als vielmehr den  Schrotpatronen, die durch ihre Streuung für eine besonders hohe Trefferquote sorgen. Der Vorteil ist, dass auch blutige Anfänger wie ich am Ende des Workshops mit einem echten Erfolgserlebnis nach Hause gehen. Denn der Moment, wenn die leuchtende Scheibe in tausend Stücke zerspringt, löst bei mir ein merkwürdiges Glücksgefühl aus.

Und das scheint nicht nur mir so zu gehen. Egal, ob als Einzel- oder Gruppenerlebnis, Weihnachtsfeier, Junggesellenabschied oder Betriebsfeier – der Schießsport wird immer populärer. Besonders beliebt ist er auch als Freizeitspaß bei Geschäftsleuten, die ihren Kunden statt langweiligem Geschäftsessen  mal etwas Ausgefalleneres bieten möchten, erzählt Maximilian. Der 25-Jährige  ist mit dem Waffensport groß geworden und hat seinen Vater schon als Kind zur Jagd begleitet. Weil die Flächen dafür in der Stadt rar sind, fährt er dafür am liebsten nach Schleswig-Holstein.  Jagen und Naturverbundenheit gehen bei ihm Hand in Hand. „Ich liebe das Landleben, die Stadt ist mir zu stressig.“

Außer in Warder bietet er das Tontauben-Erlebnis auch in Heide, Hartenholm und im Großraum Hamburg an.  Die Nachfrage ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Warum das Taubenschießen immer mehr Anhänger findet, kann er nur vermuten: „Die Leute haben einfach keine Lust mehr auf das Spießige und wollen was anderes ausprobieren.“ Auf dem Schießstand, sagt er,  herrsche daher eine sehr lockere Atmosphäre – auch wenn die strengen

Sicherheitsvorschriften an oberster Stelle stehen.  „Man kennt die Leute, die herkommen und jeder duzt sich.“

Obwohl der Großteil seiner Kunden Männer sind, kommen auch immer mehr Frauen zu ihm.  Die Zeiten, in denen der Schießsport hauptsächlich aus griesgrämigen Jägern bestand, sind längst vorbei. „Es gibt nicht mehr dieses konservative Denken in der Gesellschaft, dass Frauen nicht auf die Jagd gehören“, sagt er. Einzig die Motive seien unterschiedlich. „Männer wollen meistens einfach nur ‚rumballern‘“, weiß er. Bei Frauen sei es mehr das Interesse an einem Männersport, das sie in den Schießstand locke. Nicht immer werden diese Erwartungen erfüllt. „Viele Frauen haben Angst vor der Waffe und stellen schon nach 20 Schuss fest: Das ist nichts für mich.“

Sophie Sokour gehört nicht zu diesen Frauen. Die 18-Jährige ist zum zweiten Mal auf dem Schießstand und wirkt im Umgang mit der Waffe schon ziemlich vertraut. Für sie ist es vor allem der Konkurrenzgedanke, der sie dabei reizt.  „Man ist hier mit Männern auf Augenhöhe und kann zeigen: Das kann ich auch!“

Tatsächlich schießt die junge Hamburgerin auf Anhieb mehr Tauben als die meisten von uns – trotz ihrer zierlichen Statur. Lehrer Maximilian überrascht das gar nicht. Beim Schießen komme es eben nicht auf Muskeln an. Viel entscheidender seien  Konzentration, Reaktionsvermögen, Lockerheit und Ausdauer. Am Anfang falle das vielen Neulingen schwer, drei Stunden Schnupperkurs reichten da nicht aus. Erst durch jahrelanges Training und viel Erfahrung   stelle sich die Treffsicherheit ein.

Was er damit meint, weiß ich, als wir nach der ersten Übungsrunde eine Weile am Profi-Stand zusehen. Blitzschnell und scheinbar mühelos treffen die Schützen eine Taube nach der anderen – obwohl sie gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen geflogen kommen. Viele von ihnen sind Jäger und kommen sehr häufig zum Schießstand. Um uns einen Eindruck zu vermitteln, wie sich das Schießen ohne den Anfänger-Bonus anfühlt, dürfen wir hier auch mal ran.  Aus fünf verschiedenen Positionen zielen wir auf die Tontauben, die aus zwei Automaten – dem Hoch- und dem Niederhaus – abgeschossen werden. Als ich an der Reihe bin, hat sich mein Glücksgefühl von vorhin schnell erledigt. Ich treffe nicht eine einzige Taube. Am Ende gehe ich trotzdem euphorisch nach Hause. Daran kann auch der höllische Muskelkater, den ich am nächsten Tag habe, nichts ändern.

Von Anabela Brandao